PROBIOTIKA


Der menschliche Körper besteht aus einem sehr komplexen biologischen System. Bis zu 90% der Zellen sind Mikrobiota:

  •   über 100 Billionen Bakterien
  •   die 150-fache Anzahl menschlicher Gene
  •   mehr als 1.000 Arten
  •   verteilt auf 7.000 Stämme
Der Gastrointestinaltrakt ist der Bereich mit der höchsten Konzentration an Mikroorganismen. Im Dünndarm leben bis zu 1.000 Bakterien pro Gramm Darmepithel und nochmals rund 100 - 1.000 Milliarden Bakterien pro Gramm Darmepithel im Dickdarm. Die Hauptgruppe bilden die sogenannten Firmicutes und Bacteroidetes.

In den letzten Jahren hat sich aufgrund von technologischen Entwicklungen auch die Forschung der Wirkung von Pro- und Präbiotika weiterentwickeln können. So konnte nachgewiesen werden, dass die intestinale Besiedlung einen Einfluss auf das ZNS (Gut-Brain-Axis) und auf die Schleimhautimmunität unserer Lungen (Gut-Lung-Axis) hat. Die Zusammensetzung des Mikrobioms (der genetische „Fingerabdruck” der gesamten intestinalen Besiedlung) kann durch Ernährungsumstellung, Stuhltransplantation sowie Prä- und Probiotika beeinflusst werden.

Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind Probiotika als „lebende Mikroorganismen definiert, die dem Menschen gesundheitliche Vorteile bringen, wenn sie in einer entsprechenden Dosierung verabreicht werden”. Der Nobelpreisträger Ilya Mechnikov (Physiologie, 1908) führte das Prinzip der Probiotika in die wissenschaftliche Gemeinschaft ein. Er zeigte erstmals die Korrelation zwischen dem Konsum von fermentierten, mit L. bulgaricus angereicherten Milchprodukten und einer überdurchschnittlich hohen Lebenserwartung. Heute wissen wir, dass Probiotika die angeborene und adaptive Immunantwort regulieren können. Sie modulieren die Wirkung von dendritischen Zellen, Makrophagen sowie T- und B-Lymphozyten. Einer der Mechanismen, wie Probiotika immunmodulatorische Funktionen regulieren, ist die Aktivierung von Toll-like-Rezeptoren.

Es gibt zahlreiche Probiotika-Präparate. Als meist erforschter Stamm gilt noch immer der Lactobacillus rhamnossus. In aktuellen Studien sind auch Zusammensetzungen verschiedenster Arten eingebunden. Eine Probiotika-Mischung aus L. acidophilus, L. casei, L. reuteri, B. bifidium und Streptococcus thermophilus stimulierte regulatorische dendritische Zellen, die hohe Konzentrationen von IL-10, TGF-β, COX-2 und Indolamin-2,3-Dioxygenase exprimieren. Dies förderte wiederum die Bildung von regulatorischen T-Zellen (Tregs) und die Suppressor-Aktivität der natürlich vorkommenden CD4+/CD25+ Tregs.

Welches Probiotikum ist jetzt das Richtige?
Wie bereits anfangs erwähnt ist der menschliche Organismus ein multidimensionales biologisches System. So trägt zum Beispiel eine genetische Variabilität des Menschen zu einer unterschiedlichen Reaktion auf identische Signale bei. Dies geschieht bei probiotischen Effekten ebenso.

Mittlerweile gibt es ein breites Angebot an Produkten. Welches ist nun für wen geeignet?

Hier ein paar Hinweise für die Praxis:

Single Strain oder Multi Strain?
Bei Multi Strain-Produkten ist es wichtig, dass die verwendeten Stämme nicht um Nährstoffe und Energiequellen konkurrieren und auch nicht das Wachstum anderer Stämme hemmen.

Antibiotikaresistenz und Probiotika?
Der Einsatz von Probiotika in Verbindung mit Antibiotika-Therapien könnte mit der Zeit ein gefährliches Reservoir von Antibiotikaresistenz-Determinanten in probiotischen Mikroorganismen verursachen. Deswegen sollen Mikroorganismen, die in dem gewählten Probiotika enthalten sind, ein empfindliches Profil ohne Antibiotikaresistenzgene enthalten oder anders gesagt: Auch Probiotika sollten von Antibiotika angegriffen werden können.

Ansiedlung an der Darmschleimhaut?
Probiotika können die Adhäsion von Pathogenen blockieren. Es beschreibt die Fähigkeit, sich anzusiedeln, den Darm zu kolonisieren und über eine längere Zeit in der intestinalen Umgebung zu überleben. Es ist eine Eigenschaft von probiotischen Mikroorganismen, ihre nützlichen Aktivitäten zu entfalten: Sie sollen positiv mit der existierenden Besiedlung interagieren.

Klinisch nachgewiesene Wirkung?
Bei der Auswahl eines geeigneten Probiotikums in der Praxis, sollten Mikroorganismen bevorzugt werden, bei denen bereits eine klinische Wirksamkeit nachgewiesen wurde. Dies bedeutet allerdings nicht, dass nur die Literatur führend ist; die eigene Erfahrung in der täglichen Praxis ist letztendlich entscheidend.


Effects of probiotics on gut microbiota: mechanisms of intestinal immunomodulation and neuromodulation, Peera Hemarajata and James Versalovic, Therapeutic Advances in Gastroenterology 2013 doi: 10.1177/Probiotics and immune health, Fang Yan, Curr Opin Gastroenterol. 2011 doi:10.1097/A Consumer’s Guide for Probiotics: 10 Golden Rules for a Correct Use, Marco Toscano, Digestive and Liver Disease 2017 doi: 10.1016